Hula - ein Lebensweg

Roselle K. Bailey, 1985

Aole pau ka ike i ka halau hookahi … eine einzige Schule ist nicht im Besitz des vollständigen Wissens."

Von diesem hawaiianischen Sprichwort geleitet, werde ich meine Ansichten über den Hula, so wie ich ihn erlernt habe, mit Ihnen teilen.

 

Die Vorstellung, die die meisten Leute heutzutage vom Hula haben ist ein bisschen Hüftgewackel und ein paar Bewegungen hier und dort... Das ist ein grober Irrtum! Ja, Hula ist eine sehr sinnliche Erfahrung. Hula ist aber auch poetischer Ausdruck, prosaische Erzählung. In dieser Hinsicht gleicht er dem Ballett und der Oper. Es gibt Menschen, die halten Hula für den Tanz und die Musik der indigenen Bevölkerung Hawaiis. Auch das ist wahr, aber es ist nicht alles: Hula ist die dramatische Gestaltung und Verewigung der hawaiianischen Lebensader (aho).  Es gibt auch diejenigen, denen Hula ein Mittel zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Ruhm ist. Das stimmt, allerdings wird der spirituellen Essenz (aka uhane) immer Anerkennung gegeben. 

 

Als Praktizierende des Hula und als Leiterin der Hulaschule Kahiko Halapa'i Hula Alapa'i, liegt es in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass meine Schüler nicht nur in der darstellenden Kunst, sondern auch im Kunsthandwerk Erfahrung und Expertise erwerben. Außerdem ist es meine Pflicht, einen bewussten Umgang mit der Natur zu unterrichten. Vor allem muss ich ihnen vermitteln, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich treu zu bleiben, so dass sie die Einheit von Geist, Körper und Seele erreichen. Die große Frage ist: Wie kann man diese Ziele in diesen Tagen und in diesen Zeiten erreichen, in denen das Leben so kompliziert und schnell ist?

 

In den alten, längst vergangenen Zeiten, als das Leben noch weniger komplex und relativ langsam war, stand der Hula nur einer ausgewählten Gruppe von Menschen offen, die sich ganz und gar dem Hula verschrieb. Dieser Einsatz bedeutete, dass sie ihrem halau (Schule) und ihrem kumu hula (Hulalehrer) ihre Loyalität, ihr Aloha und ihren Respekt gaben. Es bedeutete auch, dass sie zusammen unter strengen Regeln lernten, übten, lebten, arbeiteten und beteten - bis zum Zeitpunkt des uniki  (Graduierung). Dann strömten sie voll von Enthusiasmus auf die "Bühne", um das Gelernte zur Schau zu bringen und die Bewunderung und Unterstützung ihrer Regenten und ihres Volkes auf sich zu ziehen. Das war ihre Lebensgrundlage! Ihre Aufgabe war nicht nur zu inspirieren, zu unterhalten, zu erinnern und zu begeistern, sondern auch Wissen und Wahrheit in spirituellem Bewusstsein zu transportieren.

 

Es ist wichtig, uns heutzutage daran zu erinnern, dass Hula eine Tradition ist, deren Kreativität auf diese klassische Grundlage angewiesen ist. In unserem Drang nach Kreativität muss diese vormoderne klassische Grundlage im Auge behalten werden, um die Essenz und Einzigartigkeit des Hula zu erhalten.

 

Das heutige Hawaii ist geprägt von Menschen jeder Couleur. Viele lernen Hula aus reinem Vergnügen, während andere damit ein Publikum unterhalten wollen. Einige nehmen Hulastunden für die körperliche Fitness, als Therapie, um ein Buch zu schreiben, oder weil Hula ihnen in ihrem Beruf hilft. Es gibt diejenigen, die Hula lernen, weil sie sich "hawaiianisch fühlen" und sie die hawaiianische Kultur kennen lernen möchten. Was auch immer die Gründe sind, Hula ist nicht länger nur einer ausgewählten Gruppe von Menschen vorbehalten. Hula steht jedem offen, der den Wunsch, die Geduld, das Durchhaltevermögen und die Überzeugung hat dieses rigorose und anspruchsvolle Training auf sich zu nehmen.

 

Die Schönheit des Hula liegt darin, dass er jederzeit, überall und in jeder Situation stattfinden kann. Er kann von Männern und Frauen jeden Alters ausgeübt werden.

 

Die Macht des Hula liegt darin, dass er den Darsteller und den Zuschauer über Zeit und Raum transzendiert. Er gräbt sich in die Tiefen des emotionalen Urquells und kann Tränen hervorrufen, Freudenlaute oder Gänsehaut. Die Fähigkeiten des Darstellers, Musik, Klänge, Gewänder, Schmuck und Gerüche kreieren eine Atmosphäre, in der die Erinnerung an einen besonderen Ort wach wird, die Erinnerung an einen besonderen Menschen, an einen besonderen Moment. In diesem Augenblick wird Hula zur Illusion.

 

Hula ist ein Lebensweg. Er verlangt vom Leben kein Opfer. Hula ist eine positive, lebensspendende Kraft, die die Bedeutungsaspekte von laka (Hula Gott/Göttin; zähmen, domestizieren, anlocken, begeistern; zugeneigt, sanftmütig; Gott des Kanubaus), lama (eine Baumart; Fackel, Licht, Lampe, Erleuchtung, Aufklärung; medizinisch genutzt), und den Gottheiten des Hula trägt. Aber ich werde Sie nicht mit einer Aufzählung der Gottheiten und deren Funktionen, noch ihren Bedeutungen belasten. Vielmehr ist mit der Disziplin des Hula die Domestizierung und Bändigung des Ich verbunden. Wir lernen unser Ich zu kontrollieren, um in Gemeinschaft und in Unterstützung mit unseren Mitmenschen leben können, ohne dass dies durch Zwang durchgesetzt werden müsste. Wir lernen sensibel, rücksichtsvoll, demütig, fürsorglich, angstfrei, anpassungsfähig und attraktiv zu sein. Wir werden in der Heilkunst geschult, obwohl wir heutzutage eher auf Ärzte angewiesen sind. Auch werden wir zu einem klaren Bewusstsein erzogen, damit wir die moralische und spirituelle Entwicklung befördern können. Wieder, aufgrund unseres Lebensstils, beansprucht dieser Teil der Ausbildung längere Zeit. Diese Ziele werden erreicht durch Zuhören, Beobachtung, Übung und Gebet.

 

Wer die Gebete des Hula studiert, dem wird auffallen, dass sie einem Muster folgen. Die Form eines Gebets hängt von dem Grund für das Gebet ab. Die Gebete beinhalten Anerkennung, Lob, Reinigung, Vergebung und Bitte. Die Gebete werden in poetischer Form dargeboten, sprachgewandt formuliert und freigegeben. 

 

“Noho ana ke akua i ka nahelehele

I alai ia e ke kiohuohu, e ka ua koko.
O na kino malu i ka lani e.
Malu e hoe.
E ho`oulu mai ana i Laka i kona kahu o makou
O makou noa e.”

 

“The god dwells in the woodlands
Hidden away in the mist, in the low hanging rainbow.
Oh, Being, sheltered by the heavens.
Clear our path of all hindrance.
Inspire us.
Oh, Laka, and dwell on your altar.
Free us.” *

 

Die Wohnstätte des Gottes ist der Wald.

In Nebel gehüllt, im tief liegenden Regenbogen ist er.

Wesen, im schützenden Gewand des Himmels.

Befreie unseren Weg von allen Hindernissen.

Inspiriere uns, Laka, und bewohne deinen Altar.

Für uns sei Freiheit. 

 

Dies ist mein ho`okupu (zeremonielle Überreichung einer Gabe als Zeichen der Verehrung und des Respekts) an Sie mit meinen wärmsten Grüßen und aloha.

 

 

* (Tarter, Elizabeth – “Nineteenth Century Hawaiian Chant”, Pacific Anthropological records, Number 33, 1982, pg. 128, Number 6)

 

(Übersetzung aus dem Englischen von A. Wiesheu)

Roselle K. Bailey mit George Na'ope
Roselle K. Bailey mit George Na'ope